Das Arbeitszeugnis richtig lesen: Was zwischen den Zeilen steht

In der Schweiz haben Arbeitnehmende Anspruch auf ein wohlwollendes Arbeitszeugnis. Genau daraus ist über die Jahre eine eigene Sprache entstanden. Weil offene Kritik rechtlich heikel ist, verpacken viele Personalverantwortliche ihre Bewertung in Formulierungen, die auf den ersten Blick positiv wirken. Wer sein eigenes Zeugnis oder das von Bewerbenden lesen will, sollte diese Codes kennen.
Ein zentraler Punkt ist die Vollständigkeit. In einem qualifizierten Zeugnis gehören eine Bewertung der Leistung, des Verhaltens sowie ein Grund für das Austrittsdatum dazu. Fehlt etwas davon, ist das oft ein Signal. Wenn zum Beispiel das Sozialverhalten gar nicht erwähnt wird, lässt das Rückschlüsse auf Probleme im Team zu. Auslassungen sagen manchmal mehr als das Geschriebene.
Auch die Wortwahl bei der Leistungsbewertung folgt einem Muster. Formulierungen wie stets zu unserer vollsten Zufriedenheit entsprechen einer sehr guten Note. Nur zu unserer vollen Zufriedenheit bedeutet gut, zu unserer Zufriedenheit ist bereits eine mittelmässige Bewertung. Fehlt das Wort stets, deutet das auf Schwankungen in der Leistung hin. Kleine Unterschiede haben also grosse Wirkung.
Vorsicht ist bei scheinbar netten Zusätzen geboten. Wird jemand als geselliger Mitarbeiter beschrieben oder ihm ein Verständnis für die Anliegen der Belegschaft attestiert, kann das versteckte Kritik sein, etwa im Sinne von übermässiger Fokus auf Pausen oder Nähe zu Konflikten. Solche Halbsätze wirken freundlich, transportieren aber oft eine Botschaft an die nächste Personalabteilung.
Die Schlussformel rundet das Bild ab. Ein gutes Zeugnis dankt für die Zusammenarbeit, bedauert den Weggang und wünscht ausdrücklich alles Gute für die Zukunft. Fehlen diese Elemente, ist das Zeugnis kühler, als es die einzelnen Bewertungen vermuten lassen. Gerade das Bedauern über den Austritt ist ein starkes Signal für Wertschätzung.
Wer das eigene Zeugnis kritisch prüft, sollte nicht zögern, das Gespräch mit dem früheren Arbeitgeber zu suchen. Formulierungen lassen sich oft korrigieren, wenn sie den tatsächlichen Leistungen nicht gerecht werden. Ein Anspruch auf ein wahrheitsgemässes und wohlwollendes Zeugnis besteht, und die meisten Arbeitgeber zeigen sich bei sachlichen Rückmeldungen kooperativ.
Für Unternehmen wiederum lohnt es sich, Zeugnisse sorgfältig und fair zu verfassen. Wer die gängigen Codes nur mechanisch anwendet, riskiert, dass gute Mitarbeitende ungewollt schlecht dastehen. Ein klares, ehrliches Zeugnis ist am Ende für beide Seiten wertvoller als eine Sammlung von Andeutungen.
mrm People AG – Ihre Personalvermittlung in Winterthur.