Das Gegenteil von Multitasking: Warum Fokus zur wichtigsten Arbeitskompetenz wird

Multitasking galt lange als Auszeichnung. Wer mehrere Bälle gleichzeitig in der Luft hielt, wirkte effizient, gefragt und leistungsfähig. Heute wissen wir: Der Mensch kann gar nicht wirklich parallel denken. Was wir Multitasking nennen, ist in Wahrheit ständiges Umschalten zwischen Aufgaben. Und jedes Umschalten kostet Zeit, Energie und Fehlerquote.
Der Arbeitsalltag begünstigt diese Zersplitterung. E-Mails, Chatnachrichten, kurze Rückfragen, Benachrichtigungen: Studien zeigen, dass Wissensarbeitende im Schnitt alle paar Minuten unterbrochen werden. Nach jeder Störung dauert es teils viele Minuten, bis man wieder voll konzentriert an der ursprünglichen Aufgabe ist. Über einen ganzen Tag summiert sich das zu einem erheblichen Verlust.
Für Unternehmen ist das nicht nur ein Produktivitätsthema, sondern auch ein Qualitäts- und Gesundheitsthema. Wer ständig zwischen Dringlichkeiten hin und her springt, produziert mehr Fehler und fühlt sich am Abend erschöpft, ohne das Gefühl zu haben, etwas Wesentliches geschafft zu haben. Diese Form der Dauerbelastung ist ein unterschätzter Treiber von Unzufriedenheit und im schlimmsten Fall von Erschöpfung.
Die Lösung liegt weniger bei den Einzelnen als in der Arbeitskultur. Wenn erwartet wird, dass jede Nachricht innert Minuten beantwortet wird, kann niemand konzentriert arbeiten. Klare Regeln helfen: Zeitfenster ohne Meetings, bewusst gesetzte Fokuszeiten, und die Erlaubnis, den Chat auch mal für zwei Stunden zu schliessen. Solche Vereinbarungen wirken nur, wenn Führungskräfte sie vorleben und nicht selbst um 22 Uhr eine sofortige Antwort erwarten.
Auch für Mitarbeitende lohnt es sich, Fokus aktiv zu trainieren. Das heisst nicht, weniger zu tun, sondern anders. Aufgaben zu bündeln statt zu zerstückeln. Den Tag mit der wichtigsten Sache zu beginnen, bevor die Flut an Anfragen einsetzt. Und ehrlich zu unterscheiden, was wirklich dringend ist und was nur laut ist. Vieles, das dringend erscheint, verträgt problemlos eine Stunde Aufschub.
Interessant ist, dass Fokus zunehmend zu einer gefragten Kompetenz im Recruiting wird. Wer glaubwürdig zeigen kann, dass er auch in einem reizüberfluteten Umfeld konzentriert und strukturiert arbeitet, hebt sich ab. Im Bewerbungsgespräch lässt sich das gut mit konkreten Beispielen belegen: Wie gehst du mit vielen parallelen Anforderungen um, und wie stellst du sicher, dass wichtige Dinge nicht untergehen.
Fokus ist kein Talent, das man hat oder nicht hat. Er ist eine Frage von Struktur, Kultur und Übung. Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden den Raum für konzentriertes Arbeiten geben, gewinnen doppelt: bessere Ergebnisse und zufriedenere Menschen, die abends das Gefühl haben, wirklich etwas bewegt zu haben.
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